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Selbstregulation mit PEP basics® im Klinikalltag –warum Embodiment kein Luxus, sondern Notwendigkeit ist

  • 5 Minuten Lesezeit

»Eigentlich weiß ich ja, dass ich mich nicht so stressen müsste – aber mein Körper macht einfach nicht mit.« Diesen Satz höre ich oft in meinen Seminaren mit Pflegeteams. Er bringt auf den Punkt, was im Klinikalltag häufig übersehen wird: Stress ist vor allem ein Zustand im Körper.

Ein Beitrag von Esther Wilkening

Als Coach und Psychologische Beraterin begleite ich Führungskräfte und Pflegeteams durch herausfordernde Situationen. Gleichzeitig bin ich als Dozentin für Entspannungstherapie und Coaching tätig und bilde als Teil des PEP basics®-Trainerkollektivs medizinisch-pflegerische Fachkräfte weiter.

In all diesen Kontexten erlebe ich hochprofessionelle Menschen mit enormer fachlicher Kompetenz. Was dennoch häufig fehlt, sind alltagstaugliche Werkzeuge, um die eigene innere Aktivierung zu regulieren – also Emotionen, Gedanken und den körperlichen Stresszustand selbstwirksam zu beeinflussen.

Genau hier setzt die Prozess- und Embodimentfokussierte Psychologie, kurz PEP®, an: eine körperorientierte Methode, die mit Aufmerksamkeit, Selbstannahme und einfachen taktilen Sequenzen arbeitet, um das Nervensystem zu beruhigen und wieder mehr innere Stabilität verfügbar zu machen.

Stress zeigt sich im Nervensystem

… und nicht um Kopf. Pflegekräfte beschreiben Stress oft so:

  • »Ich stehe permanent unter Strom.«
  • »Nach meinem Dienst bin ich komplett leer.«
  • »Ich nehme eigene Bedürfnisse kaum wahr.«

Neurobiologisch heißt das: Das autonome Nervensystem bleibt im Alarmmodus. In diesem Zustand ist es viel schwerer, klar zu denken, empathisch zu bleiben und konstruktiv zu kommunizieren. Daher greifen reine Stressmanagement-Tipps zu kurz, wenn der Körper noch auf Alarm steht.

Wir müssen das Nervensystem mit einbeziehen. Sonst verpuffen gute Absichten im nächsten Dienst, in der nächsten Übergabe oder spätestens beim nächsten Konflikt.

Warum das für mich nicht nur Theorie ist …

Meine Überzeugung ist nicht nur theoretisch gewachsen. Als Gesundheits- und Krankenpflegerin und Traumafachberaterin am Universitätsklinikum Dresden habe ich zwölf Jahre mit Patient:innen mit Traumafolgestörungen gearbeitet. Viele dieser Menschen leben in einer anhaltenden Übererregung: Das Nervensystem ist stark aktiviert, das sogenannte »Fenster der Toleranz« wird eng. Regulation wird dann nicht zur Willensfrage, sondern zur Zugangsfrage.

Mit PEP ließ sich diese Aktivierung im 1:1 Setting spürbar senken. Die Muskulatur entspannte sich, die Atmung wurde ruhiger, meinen Patient:innen fiel es wieder leichter, klar zu denken und im Kontakt zu bleiben.

Und wenn Regulation unter so schwierigen Bedingungen möglich ist, dann ist sie im »normalen« Stresskontext erst recht erreichbar.

Embodiment: Zugang zur Regulation

Embodiment beschreibt die wechselseitige Beeinflussung von Körper und Psyche. Wenn der Körper »Gefahr «signalisiert, kann der Kopf noch so oft sagen: »Es ist alles okay, ich schaffe das.« Das System bleibt häufig trotzdem aktiviert.

PEP nutzt diesen direkten körperlichen Zugang unter anderem über Klopftechniken. Nach meiner Erfahrung ist die Reihenfolge entscheidend:

  1. Zuerst Regulation: Das Nervensystem bekommt die Chance, sich zu beruhigen.
  2. Dann Reflexion: Erst dann wird es sinnvoll, mit Gedanken, Bewertungen und inneren Antreibern zu arbeiten.

Ein zentraler Aspekt ist dabei Selbstannahme – auch mit Anteilen, die man nicht gern an sich sehen, geschweige denn zeigen möchte. Diese wohlwollende Haltung sich selbst gegenüber ist kein nettes Extra, sondern wichtiger Teil des Regulationsprozesses.

Wichtig ist mir dabei folgende Haltung: PEP ist kein Tool, um Menschen belastbarer zu machen, damit sie noch mehr aushalten. Es ist ein Weg, wieder handlungsfähig zu werden.

90 Sekunden Selbstregulation

In Kliniken höre ich oft: »Dafür haben wir keine Zeit.« Deshalb arbeite ich besonders gern mit Mikro-Interventionen. Keine langen Sitzungen, keine komplizierten Abläufe, sondern kurze Sequenzen, die sich tatsächlich auch im Dienst integrieren lassen.

Ein Beispiel aus meiner Seminarpraxis: Nach einer emotional belastenden Situation lade ich die Gruppe ein, kurz innezuhalten. Wir benennen gemeinsam die Aktivierung: »Was spürt ihr gerade im Körper?«

Dann folgt ein Selbststärkungssatz, z. B: »Auch wenn mich das gerade sehr beschäftigt, achte und schätze ich mich so, wie ich bin, und erlaube meinem Körper, sich wieder ein Stück zu beruhigen.« Darauf folgt eine kurze Klopfsequenz.

Was dann häufig passiert, ist jedes Mal aufs Neue bemerkenswert: Die Teilnehmenden berichten von sofortiger subjektiver Entlastung. Und ich beobachte im Raum sichtbare Veränderungen. Schultern sinken. Atmung wird tiefer. Stimmen werden ruhiger. Die Gruppe wird wieder zugänglicher füreinander.

Selbstregulation wirkt systemisch

Was mich daran fasziniert: Die Wirkung bleibt nicht auf die einzelne Person beschränkt. Nervensysteme gehen miteinander in Resonanz. Ein regulierter Mensch kann zur Co-Regulation beitragen – oft ohne ein Wort zu sagen.

Strukturelle Probleme im Gesundheitswesen können wir nicht »wegklopfen«. Aber gerade im Pflegekontext, wo emotionale Belastungen zum Alltag gehören, kann diese Form der Selbst- und Co-Regulation ein entscheidender Resilienzfaktor sein.

Das Wertvollste an der Methode ist für mich die Selbstwirksamkeit. Ganz konkret zu erleben: Ich kann Einfluss auf meinen inneren Zustand nehmen. Diese Erfahrung stärkt das Gefühl von emotionaler Kompetenz. Und das ist im Klinikalltag von unschätzbarem Wert.

Drei Take-aways für den Klinikalltag

  • Überaktivierung ist ein Zustand, kein Charakterfehler. Wenn der Körper auf Alarm steht, wird Denken und Kommunizieren schwerer.
  • Der Körper ist oft der schnellste Zugang. Kurze körperorientierte Mikro-Interventionen können helfen, wieder klarer zu denken und handeln zu können.
  • Regulation ist Teamarbeit, auch wenn sie bei einer Person beginnt. Ein regulierter Mensch verändert Atmosphäre und Kommunikation und trägt zur Deeskalation bei – oft ohne ein Wort zu sagen.

Selbstregulation ist kein Nice-to-have. Und sie ist keine Disziplinfrage. Selbstregulation ist eine Voraussetzung dafür, dass wir in einem Umfeld, das täglich menschliche Verletzlichkeit berührt, empathisch, handlungsfähig und souverän bleiben können.

Manchmal beginnt diese Veränderung mit nur 90 Sekunden.

Esther Wilkening

TEAM. POTENZIAL. GESUNDHEIT. // Coaching & Fortbildungen im Gesundheitswesen
E-Mail: info@wilkening-coaching.de
Web: https://www.wilkening-coaching.de

Beitragsfoto: Photo by Nataliya Vaitkevich

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